Alchemie und Alltag - Barocke Funde aus dem Gotischen Haus Brandenburg an der Havel

Dauerausstellung im historischen Keller

Höhepunkt der Ausstellung - ein Pferdeskelett

Das Gotische Haus in der Ritterstraße/ Johanniskirchplatz ist eines der besterhaltenen und bestuntersuchten mittelalterlichen Bürgerhäuser im Land Brandenburg. Einen besonderen Glücksumstand bedeuten die reichen Funde aus dem verfüllten Keller. Was lag näher, als diese Funde als Teil der Hausgeschichte im ungenutzten mittelalterlichen Keller in einer Ausstellung zu zeigen?

Die neue Dauerausstellung "Alchemie und Alltag" hat einige Überraschungen zu bieten. Ein Besuch der Ausstellung empfiehlt sich immer und ist kostenfrei.

Der Zugang erfolgt über den Hofeingang Johanniskirchplatz 4.

Öffnungszeiten:
Montag:09:00Uhr- 12:00Uhr und 13:00Uhr- 15:00Uhr
Dienstag:09:00Uhr- 12:00Uhr und 13:00Uhr- 18:00Uhr
Mittwoch:09:00Uhr- 12:00Uhr und 13:00Uhr- 15:00Uhr
Donnerstag:09:00Uhr- 12:00Uhr und 13:00Uhr- 15:00Uhr
Freitag:08:00Uhr- 12:00Uhr

weitere Informationen

Das Haus Ritterstraße 86 in der Stadt Brandenburg an der Havel gehört zu den ältesten und besterhaltenen Bürgerhäusern des Landes. Es liegt direkt am Eingang der Altstadt direkt an der ehemaligen „Langen Brücke“ (heute Jahrtausendbrücke), der direkten Verbindung zur Neustadt. Auf dem großen Grundstück an der Ecke Ritterstraße/Johanniskirchgasse erhebt sich ein massiver, zweigeschossiger Backsteinbau aus dem Jahre 1452, der in seinen Umfassungsmauern bis einschließlich des originalen Dachwerks bis heute erhalten ist. Die spätgotische Schauseite mit dem repräsentativen Giebel weist zur Brücke und zur Neustadt.
Die mittelalterliche Substanz wurde 1983 entdeckt und 1991/92 sowie 2013/14 durch Bauforschung eingehend untersucht. Der Verfall des lange leerstehenden Hauses konnte 2003 durch eine Notsicherung gestoppt werden. 2013/14 folgten eine umfassende Sanierung und die Ergänzung durch einen Anbau an der Johanniskirchgasse.
Die Ritterstraße 86 ist heute Sitz der städtischen Kulturverwaltung. Die Räume im Erdgeschoss werden als öffentlicher Veranstaltungsort und als Fläche für wechselnde Ausstellungen genutzt. In diesem Rahmen sind sie öffentlich. Eine Ausstellung mit eindrucksvollen Funden aus der Hausgeschichte kann im Keller des Hauses nach Voranmeldung mit Führung besichtigt werden.

Baugeschichte des Gotischen Hauses

Das große und prominent an der Ritterstraße gelegene Anwesen war bereits Ende des 12. Jahrhunderts bewohnt. An der Ecke zur Johanniskirchgasse stand bereits im 14. Jahrhundert ein Haus mit einem Backsteinkeller, von dem geringe Reste nachgewiesen sind. Darüber erhob sich wahrscheinlich ein zweigeschossiges Fachwerkhaus. Vor 1452 baute man an der Johanniskirchgasse einen Flügelbau an, der über einen außerordentlich reich ausgestatteten Keller und wahrscheinlich zwei Wohngeschosse verfügte. 1452 ersetzte man dann den Fachwerkbau an der Ecke durch den bestehenden Backsteinbau. Er besaß einen von außen zugänglichen Kaufkeller, darüber einen hohen ungeteilten Erdgeschossraum und ein niedriges Speichergeschoss und hat vermutlich als Kaufhaus gedient. An der Ritterstraße fügte man schließlich 1482 einen zweigeschossigen Wohnbau an, von dem sich eine repräsentative, spätgotische Decke erhalten hat. Der Umbau zum bürgerlichen Wohnhaus erfolgte im späten 18. Jahrhundert. Man veränderte die Geschosshöhe im Inneren und brach große Rechteckfenster in die Fassade. Ein Bäcker betrieb im Anbau einen großen Backofen, der vom späten 18. bis ins 20. Jahrhundert immer wieder erneuert wurde. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erhielt das Haus seine spätklassizistische Fassadengestaltung, eine der Reichsten in Brandenburg.

Die Grabung

Im Zuge der Sanierung und Neubebauung haben auf dem Grundstück 2013/2014 umfangreiche archäologische Untersuchungen stattgefunden. Keramik der „Havelländischen Kultur“ zeigt, dass die siedlungsgünstige Anhöhe oberhalb des Ufers bereits in neolithischer Zeit, also vor über 5000 Jahren bewohnt war. Auch zu mittelslawischer Zeit waren hier wieder Menschen ansässig. Ein Hausgrundriss aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts gehört zur frühen Anlage der Altstadt. Die über 800 Jahre dauernde Nutzung als innerstädtisches Wohn- und Geschäftsgrundstück hat sich in Kulturschichten, Ofenresten, Laufhorizonten, zahlreichen Gruben und Resten von Nebengebäuden niedergeschlagen, die im Boden erhalten geblieben sind und durch die Grabung wieder ans Licht kamen. Typisch für mittelalterliche Hofflächen ist eine dichte Belegung mit „Schindergruben“, in denen man verendetes Vieh eilig eingrub, um die Ausbreitung von Seuchen zu verhindern.

Die Ausstellung

Im Keller des Gotischen Hauses wurde im Februar 2018 eine kleine Ausstellung zur Hausgeschichte eröffnet. Im Vorraum kann man den vor 1452 entstandenen gotischen Keller besichtigen, dessen Umfassungsmauern in den Neubau von 2013/14 übernommen wurden. Die makellose Qualität der Backsteinmauern und die Ausstattung mit zahlreichen Wandnischen, in die mehrere Verstecke für wertvollen Besitz eingearbeitet sind, geben eine Vorstellung von der Baukultur, die sich wahrscheinlich ein reicher Kaufmann in seinem Privatkeller leistete. Der überaus aufwändige Fußbodenaufbau aus Findlingen, Sand, Lehm, hunderten Topfkacheln und einem Ziegelbelag diente zur Isolierung gegen Feuchtigkeit und Kälte. Er wurde mit Originalmaterial in einer Ecke des Raumes als Modell nachgebaut.
Im Vorraum findet sich außerdem eine Wandtafel mit Bildern und Erläuterungen zur Hausgeschichte, zur Grabung und zu den ausgestellten Grabungsfunden. Ein interaktiver Bildschirm bietet ein während der archäologischen Untersuchung aufgenommenes Kugelpanorama sowie vertiefende Informationen und Materialien.

Der Keller unter dem Gotischen Kernbau war ehemals durch zwei Türen von der Johanniskirchgasse und der Ritterstraße aus zugänglich. Die Türen sind heute vermauert, man erkennt aber noch den Ansatz der nach außen führenden Treppen. Der niedrige Keller von 1452 war ehemals ungeteilt, von einer Balkendecke überspannt und diente als Verkaufs- und Lagerraum. In zahlreichen großen und tiefen Wandnischen wurden die Waren präsentiert. Die Binnenwände und Pfeiler wurden erst bei späteren Umbauarbeiten eingezogen. Die Präsentation orientiert sich an der Atmosphäre des dunklen, niedrigen aber weitläufigen Verkaufsraumes. Die in den Nischen ausgestellten Funde sind als Lichtinseln inszeniert und nur sparsam beschriftet. Beamerinstallationen beschwören die Atmosphäre des frühneuzeitlichen Marktes und einer Alchimistenküche. Unter dem Bodenfenster, durch das man vom Erdgeschoss aus in den Keller blicken kann, wurde ein Pferdeskelett aufgestellt, das im 13. Jahrhundert im Hof in einer Grube entsorgt worden war.

Die Ausstellung zeigt ausschließlich Funde, die 2013/14 bei den archäologischen Untersuchungen zur Sanierung des Gotischen Hauses ans Licht kamen. Der gesamte Fundkomplex, mit Ausnahme des Pferdeskeletts, stammt (dabei) aus der Verfüllung des nun als Ausstellungsraum eingerichteten Kellers. Im späten 18. Jahrhundert hat man beim Umbau zum Wohnhaus einen Teil des Kellers mit einer Mauer abgetrennt und wahrscheinlich über einen längeren Zeitraum mit Abfall und überflüssigen Hausrat verfüllt.
Eine Auswahl der besten Fundobjekte wird getrennt nach Gruppen in den Wandnischen präsentiert: Am Anfang des Rundganges werden Fragmente von Kachelöfen der Barockzeit gezeigt, die ursprünglich in jedem Haushalt vorhanden waren und meist das repräsentativste Ausstattungsstück des Hauses waren.
Im zweiten Teil findet sich barockes Haushaltsgeschirr. Kannen, Schüsseln, Töpfe oder bunt bemalte Teller. Einige gehobene Waren wie z.B. Porzellan, Fayencen und Tafelglas sowie Pfeifenstiele, Muscheln- und Austernschalen und eine große Menge an Weinflaschenscherben sprechen für einen gewissen Luxus.
Einen besonderen Höhepunkt bildet eine Apothekerausstattung, die möglicherweise komplett in den Keller entsorgt wurde: Gefäße aus Irdenware und Glas, darunter Retorten zur Destillation, Tiegel und Fläschchen jeder Größe.